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C1.1

Beispiel Rührschüsseln (Fortsetzung)

2.1.4 Die Entsorgung

Für die Entsorgung muss in der Praxis sorgfältig recherchiert werden. Welche Wege können die Produkte in der Entsorgungsphase nehmen und zu welchem Anteil ist dies wahrscheinlich (Anteil Recycling, Anteil Verbrennung, Anteil Deponie, etc.)? Dabei ist zu bedenken, dass viele Produkte (auch unsere Beispielprodukte) global vertrieben werden und die jeweilige lokale Abfallbehandlung sehr unterschiedlich sein kann. Theoretisch muss für jedes Land (oder Kontinent) ein Entsorgungsszenario erstellt werden. Natürlich kann es bei überschlägigen Ökobilanzen sowie in diesem Beispiel bei guten durchschnittlichen Abschätzungen bleiben.

In unserem Beispiel gehen wir von folgenden Annahmen aus, die an die Praxis der deutschen Abfallbehandlung angelehnt sind.

2.1.4.1 Entsorgung der Rührschüssel aus Edelstahl (End of Life)

Die Rührschüssel aus Edelstahl wird zu 100 % recycelt. Einerseits geschieht dies durch gezielte Sammlung durch den Verbraucher im Altmetall der Recyclinghöfe, zum anderen durch eine sorgfältige Abscheidung von Metallen aus dem Restmüll. Für unser Beispiel wird der (Energie-)Aufwand vernachlässigt, der für eine Sortierung des Restmülls aufgewendet werden muss.

Edelstahl kann grundsätzlich ohne Qualitätsverluste recycelt werden. Der Recyclingprozess selbst bedarf natürlich auch Energie und Ressourcen. Dieser Aufwand wird im Ecolizer jeweils im Datensatz „Process“ beim Recycling mit berücksichtigt. Durch das Recycling in so hoher Qualität wiederum kann Primärmaterial eingespart werden –da die nächste Rührschüssel (oder ein anderes Produkt) wieder aus dem recycelten Material hergestellt werden kann. Dies wird beim Ecolizer der Herstellung mit negativen mPt/kg als Gutschrift zugerechnet, welche die Gesamtsumme der mPt/kg verringern und dem Produkt dadurch zu einem besseren Ergebnis verhilft.6

Die Gutschrift bei Metallen ist nicht ganz einfach, da durch geringe Verluste bei der Herstellung und zwingender Beimischung von Primärmetallanteilen auch bei Recycling-Metallen nie eine 100 % Ersatzquote erreicht werden kann. Zur Vereinfachung wird hier festgelegt, dass 1 kg recyceltes Metall 0,8 kg Metall aus Primärherstellung ersetzen kann. Dies ist eine Festlegung für dieses Beispiel, die nicht verallgemeinerbar und nicht in die Praxis übertragbar ist. In der Praxis ist das System der Gutschriften detailreicher und wird besonders bei Metallen auch in der Theorie nicht einheitlich dargestellt.

Es werden folgende Datensätze verwendet:

Stainless Steel 01.02
1. Process (Recycling)
2. Primary Material saved

6 Dieses System des Ecolizers darf nicht einfach in andere Analysemethoden oder Datensätze übernommen werden, da es speziell auf die Systematik des Ecolizers abgestimmt ist.

2.1.4.2 Entsorgung der Rührschüssel aus Glas (End of Life)

Für die Entsorgung von Glasprodukten wäre eine intensivere Recherche notwendig. Für das Beispiel folgen wir einfach dem Vorschlag des Ecolizers, der dem Datensatz für Weißglas quasi innewohnt: Gemäß Ecolizer besteht Weißglas zu 58 % aus Altmaterial (Recycling) – genau diesen Prozentsatz führen wir ebenfalls dem Recycling zu. Für 58 % des Materials muss daher der Aufwand für das Recycling angerechnet werden (siehe Erläuterungen bei der Rührschüssel aus Edelstahl) sowie die Gutschrift für das eingesparte Primärmaterial. Für 42 % des Materials werden die mPt/kg für die Abfallbehandlung angerechnet. Hierfür bietet der Ecolizer für die EU durchschnittliche Werte an.

Folgende Datensätze werden verwendet:

Glass (packaging) 05.04
1. Process (Recycling)
2. Primary Material saved
3. Waste treatment scenario in the EU

2.1.4.3 Entsorgung der Rührschüssel aus HDPE (End of Life)

Für das Recycling von Kunststoff allgemein ist eine gewisse Reinheit des Materials Grundvoraussetzung. In unserem Beispiel wurde die Rührschüssel zwar aus 100 % HDPE hergestellt. Über die Additive, also die nicht heraustrennbaren Zusätze, die dem Kunststoff seine individuellen Eigenschaften verleihen sollen, ist jedoch nichts bekannt. Getreu dem Grundsatz der „konservativen Berechnung“, also im Zweifel der Verwendung des höheren (Umwelt-) Aufwands, wird davon ausgegangen, dass die Rührschüssel vollständig der Abfallbehandlung zugeführt wird. Der Ecolizer bietet hierfür wieder einen europäischen Mix an, der aus unter anderem aus Verbrennung und Deponierung besteht.

Folgender Datensatz wird verwendet:

PE Polyethylene 03.05
1. Waste treatment scenario in the EU

2.1.4.4 Entsorgung der Verpackung (End of Life)

Es kann davon ausgegangen werden, dass die LDPE-Folie nicht recycelt wird. Dafür ist die sortenreine Abtrennung von den anderen Kunststoffen aus dem Restmüll wie auch aus dem sortierten Wertstoff („gelber Sack“) zu aufwändig. In der Regel dürfte die Folie in der Müllverbrennungsanlage oder als Ersatzbrennstoff verbrannt werden. Auch dies ist jedoch mit Aufwand verbunden, obgleich die Energierückgewinnung durch die Verbrennung angerechnet werden sollte. Inwieweit dies im Ecolizer der Fall ist, kann nicht nachvollzogen werden.

Folgender Datensatz wird verwendet:

PE Polyethylene 03.05
1. Waste treatment scenario in the EU

Sowohl in Deutschland als auch in der EU hat Wellpappe eine sehr hohe Sammelquote, so dass hier von einer maximalen Recyclingquote ausgegangen werden kann. Maximal anrechenbar – sowohl als Recyclingprozess, als auch als eigespartes Primärmaterial können jedoch nur 80 %. Das liegt an der Zusammensetzung von recycelter Wellpappe: Mit jedem Recyclingdurchlauf werden die Fasern von Papier oder Pappe immer kürzer, was jede weitere Aufbereitung immer schwieriger macht. In die Wellpappe, die in der Regel bereits häufig recycelt wurde, werden daher immer Frischfasern eingearbeitet. Durchschnittlich wird bei der als „recycelt“ bezeichneten Wellpappe 20 % Frischfaser eingearbeitet. Selbst wenn also alle Kartonage gesammelt und recycelt wird, kann ganz konkret pro kg Wellpappe lediglich 80 % als Gutschrift angerechnet werden.

Folgende Datensätze werden verwendet:

Cardboard 05.03
1. Proces (Recycling)
2. Primary Material saved

2.1.5 Berechnung der Umweltwirkung

Für die Berechnung der Umweltwirkung muss eine funktionelle Einheit (FE) festgelegt werden. Für das Beispiel soll die Funktion einer Rührschüssel à 4,8 l Fassungsvermögen über eine Anwendungsdauer von 20 Jahren betrachtet werden.

Wie weiter oben festgelegt, hält eine Rührschüssel aus Edelstahl genau 20 Jahre, eine Rührschüssel aus Glas bei derselben Benutzung 10 Jahre und eine Rührschüssel aus Kunststoff 5 Jahre. Um in allen drei Beispielen dieselbe funktionelle Einheit zu erhalten, wird ein Referenzfluss von

1 Rührschüssel aus Edelstahl

2 Rührschüsseln aus Glas und

4 Rührschüsseln aus Kunststoff

betrachtet und miteinander verglichen.

In den nachfolgenden Tabellen werden die Daten aufgeführt, die sich aus den bis hierhin getroffenen Annahmen ergeben und die daraus folgenden Berechnungen der Eco-Indicator millipoints (mPt).

Folgende Angaben sind hier für jedes Beispiel zu finden:

  • Die verwendeten Datensätze aus dem Ecolizer,
  • die für den Prozess notwendige Eigenschaft des Beispiels (Gewicht, Transportdistanz, verbrauchte Energie etc.),
  • die spezifischen mPts pro Einheit (kg, tkm etc.) aus Ecolizer 2.0,
  • die Berechnung für der mPts für eine Schüssel,
  • die Umrechnung auf den Referenzfluss (RF, 1× Stahl, 2× Glas usw.) auf die funktionelle Einheit (FE),
  • bei mehreren Prozessen werden diese aufsummiert.

Legende für alle nachfolgenden Tabellen (teilweise aus dem Ecolizer übernommen): 

Dunkelgrauer Wert: vertrauenswürdige Daten
Hellgrauer Wert: weniger vertrauenswürdige / beschränkt verfügbarer
Grüner Wert: unsichere Daten, Datenlücken
(!): generischer Wert für diese Materialgruppe
dann: Daten nicht verfügbar (data not available)
na: nicht anwendbar (not applicable)
RF: Referenzfluss (Anzahl der verwendeten Rührschüsseln, um 20 Jahre Nutzung abzudecken)
FE: Funktionelle Einheit
mPt: Eco-indicator millipoint
Tabelle 1: Transport der Rohstoffe in ihrer Verpackung
Tabelle 2: Rohstoffe und Herstellungsprozesse der Rührschüsseln
Tabelle 3: Rohstoffe und Herstellungsprozesse der Verpackungen
Tabelle 4: Distribution der Rührschüsseln
Tabelle 5: Transportweg der Entsorgung der Rührschüsseln und Verpackung
Tabelle 6: Entsorgung Produktmaterialien
Tabelle 7: Entsorgung Verpackungsmaterialien

Nach der Auswertung aller relevanter Lebensphasen werden diese in der nachfolgenden Tabelle zusammengefasst.

Tabelle 8: Übersicht der potenziellen Umweltauswirkungen pro Produktbeispiel Rührschüssel aus Edelstahl, Glas und Kunststoff, alle Angaben in mPts
2.1.6 Interpretation der Ergebnisse

Um die Ergebnisse bewerten zu können, muss zunächst geprüft werden, wie gut die Datenqualität ist.

Im Bereich „Herstellungsverfahren der Edelstahlrührschüssel“ musste auf den Datensatz für das Polieren des Stahls verzichtet werden, da für dieses Verfahren keine Daten vorliegen. Dieser Datensatz würde das Ergebnis für die Rohstoffe / Herstellung der Edelstahlschüssel etwas erhöhen.

Außerdem fehlen Datensätze für die Entsorgung der Glasschüssel. Hier wurde ein durchschnittlicher Entsorgungsweg für Restmüll in der EU als Ersatz für die Berechnung heran gezogen. Glas ist ein inertes Material, welches bei der Entsorgung wahrscheinlich geringere Umweltlasten erzeugt als der Durchschnitt aller Abfälle. Insgesamt könnte dadurch das Ergebnis für die Entsorgung der Glasschüssel etwas nach unten korrigiert werden.

Für alle drei Produkte fehlen Datensätze zur Entsorgung des Verpackungskartons – konkret sind die Einsparungen von Primärmaterial (also Frischfaser für Verpackungskartons) unbekannt. Da die Verpackungsmenge der Kartonage für alle drei Produkte dieselbe ist, würde das die Ergebnisse für alle drei Produkte bei Entsorgung der Verpackungsmaterialien um dieselbe Anzahl mPts nach unten korrigieren.

Insgesamt würden also: Das Gesamtergebnis der mPts für die Edelstahlschüssel leicht erhöht, für die Glasschüssel leicht verringert und durch die fehlenden Verpackungsdaten alle Werte um dieselbe Punktzahl etwas reduziert.

Als grundsätzlicher Trend der Ergebnisse bleibt jedoch bestehen, dass die Edelstahlrührschüssel das Produkt mit den geringsten Umweltauswirkungen darstellt, gefolgt von der Rührschüssel aus Glas. Die Schüssel aus Kunststoff dagegen hat mit Abstand die meisten mPts angesammelt.

Woran liegt das? Es liegt zunächst eindeutig an der Lebensdauer, die für jedes dieser Produkte angenommen wurde. Ob diese Annahmen der Realität entsprechen, bleibt zu prüfen. Es verdeutlicht jedoch die Relevanz der Lebensdauer eines Produktes auf dessen Umweltauswirkung. Bei genauer Betrachtung wird jedoch außerdem deutlich, dass die Schüssel aus Kunststoff in der Summe weit mehr als das Vierfache an mPts angesammelt hat (Referenzfluss: 4 Kunststoffschüsseln auf eine Edelstahlschüssel), obgleich sie in den meisten betrachteten Bereichen (Rohstoffe, Transporte, Verpackung, etc.) sogar weniger als die Vierfache Punktzahl erreicht. Dies liegt im bilanziellen Umgang mit der Entsorgung der Materialien begründet. Während Metall sorgfältig gesammelt wird und häufig in gleicher Qualität aufbereitet werden kann, kann Kunststoff weit weniger gut sortiert und recycelt werden. Sofern Kunststoff recycelt (statt energetisch verwertet) wird, findet hier häufig eine Aufbereitung zu einem minderwertigeren Material – unter dem Begriff „Downcycling“ gefasst. Dadurch können weniger Gutschriften angerechnet werden als bei besser rezyklierbaren Materialien.

Um für dieses Beispiel annähernd eine ökologische Wahrheit zu erhalten, müsste also gerade die Entsorgung (und hierzu gehören auch die in diesem Beispiel überhaupt nicht thematisierten Abfälle und Verschnitte aus der Herstellung) sehr detailliert betrachtet werden. Dies ist aufgrund der sehr zusammengefassten Darstellung der Datensätze im Ecolizer zur Verwertung kaum möglich. Darüber hinaus müssen viele Angaben zu tatsächlichen Entsorgungswegen recherchiert und berücksichtigt werden.

Außerdem ist die hier angewendete Art der Allokation, d. h. Zurechnung der mPts, bei der Verwertung zu diskutieren. In diesem Beispiel wurden alle Gutschriften für rezyklierte und dadurch in der Primärherstellung eingesparte Materialien dem berechneten Produkt zugeschlagen. Dieses Vorgehen ist durchaus zu hinterfragen und auch im Beispiel nur dadurch zu vertreten, dass bereits zu nahezu 100 % Sekundärmaterialien eingesetzt wurden.

Sollten Sie in der Praxis Ergebnisse ermitteln, die in diesem Maße von einem oder zwei Kriterien abhängen (hier Annahme zur Lebensdauer und zur Entsorgung), müssen Sie in jedem Fall eine Sensitivitätsanalyse durchführen. Das bedeutet, dass Sie die Berechnungen mit entsprechend veränderten Kriterien kalkulieren, um deren Einfluss auf das Ergebnis abzuschätzen.

Für das vorliegende fiktive Beispiel kann jedoch festgehalten werden, dass die Umweltwirkung eindeutig bei dem langlebigsten Material am geringsten ist, obgleich es sich dabei um das rohstoff- und energieintensivste Material handelt. Dies ist jedoch unter anderem der Fall, weil auch das aus dem Material hergestellte Produkt langlebig ist und es am Lebensende leicht sortiert werden kann. Anders könnte es sein, wenn die Lebensdauer des Materials und des Produktes weniger gut übereinstimmen würden.

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