Suche / Infoleiste öffnen

C1.1

Beispiel Aktenschrank (Fortsetzung)

3.1.4 Die Entsorgung

Für die Entsorgung muss in der Praxis sorgfältig recherchiert werden. Welche Wege können die Produkte in der Entsorgungsphase nehmen und zu welchem Anteil ist dies wahrscheinlich (Anteil Recycling, Anteil Verbrennung, Anteil Deponie, etc.)? Dabei ist zu bedenken, dass viele Produkte (auch unsere Beispielprodukte) global vertrieben werden und die jeweilige Abfallbehandlung sehr unterschiedlich sein kann. Theoretisch muss für jedes Land (oder Kontinent) ein Entsorgungsszenario erstellt werden. Natürlich kann es bei überschlägigen Ökobilanzen und in diesem Beispiel bei guten durchschnittlichen Abschätzungen bleiben.

Das End of Life der Verschnittabfälle wird für das Beispiel nicht berücksichtigt, lediglich die Entsorgung des Materials des Aktenschrankes am Ende der Lebensdauer, sowie der Verpackung.

In unserem Beispiel gehen wir von folgenden Annahmen aus, die an die Praxis der deutschen Abfallbehandlung angelehnt ist: 

3.1.4.1 Entsorgung des Aktenschrankes aus Edelstahl (End of Life)

Der Aktenschrank wird zu 100 % recycelt. Dies geschieht durch gezielte Sammlung durch den Verbraucher vor allem über Rücknahme der Bestandteile durch den Hersteller. Viele Metalle können weitgehend ohne Qualitätsverluste recycelt werden. Im Beispiel wird davon ausgegangen, dass dies für alle verwendeten Metalle der Fall ist.

Der Recyclingprozess selbst bedarf natürlich auch Energie und Ressourcen. Dieser Aufwand wird im Ecolizer jeweils im Datensatz „Process“ beim Recycling mit mPt/kg berücksichtigt. Ob entstehende Emissionen durch Verbrennung der Beschichtung (beim Schmelzen des Metalls) in den mPts enthalten sind, ist jedoch unklar. Durch das Recycling in so hoher Qualität wiederum kann Primärmaterial eingespart werden – kann doch das nächste Produkt wieder aus dem recycelten Material hergestellt werden. Dies wird beim Ecolizer der Herstellung mit negativen mPt/kg als Gutschrift zugerechnet, welche die Gesamtsumme der mPt/kg verringern und dem Produkt dadurch zu einem besseren Ergebnis verhilft.12

Die Gutschrift bei Metallen ist nicht ganz einfach, da durch geringe Verluste und zwingender Beimischung von Primärmetallanteilen auch bei Recycling-Metallen nie eine 100 % Ersatzquote erreicht werden kann. Zur Vereinfachung wird hier festgelegt, dass 1 kg recyceltes Metall 0,8 kg Metall aus Primärherstellung ersetzen kann. Dies ist eine Festlegung für dieses Beispiel, die nicht verallgemeinerbar und nicht in die Praxis übertragbar ist.

In der Praxis ist das System der Gutschriften detailreicher und wird besonders bei Metallen auch in der Theorie nicht einheitlich dargestellt.

Für den Aktenschrank wurde hauptsächlich eine Stahllegierung verwendet sowie zu einem geringen Anteil verchromtes Messing.

Es werden daher folgende Datensätze verwendet:

Steel 01.03
1. Process (Recycling)
2. Primary Material saved

Brass 02.04
3. Process (Recycling)
4. Primary Material saved

12 Dieses System des Ecolizers darf nicht einfach in andere Analysemethoden oder Datensätze übernommen werden, da es speziell auf die Systematik des Ecolizers abgestimmt ist.

3.1.4.2 Entsorgung des Aktenschrankes aus Holz (End of Life)

Am Lebensende eines Holzschrankes bleibt (nach hoffentlich mehrmaliger Weiterverwendung) die Entsorgung. Ein Recycling ist kaum möglich oder wirtschaftlich. In der Regel bedeutet das die energetische Verwertung, also Verbrennung.

Für den geringen Aluminiumanteil ist eine Rückgewinnung möglich. Bei der Gutschrift für das Recycling wird wie beim Metallschrank beschrieben vorgegangen.

Es werden folgende Datensätze verwendet:

Wood (chipped) 04.03
1. Waste treatment scenario in the EU

Aluminium 02.01
1. Process (Recycling)
2. Primary Material saved

3.1.4.3 Entsorgung der Verpackung (End of Life)

Es kann davon ausgegangen werden, dass weder die PE-Schaumfolie noch das Styropor recycelt werden. Dafür ist die sortenreine Abtrennung von den anderen Kunststoffen aus dem Restmüll wie auch aus dem sortierten Wertstoff („gelber Sack“) ebenso wie das Recycling zu aufwändig. In der Regel dürfte die Folie sowie das Styropor in der Müllverbrennungsanlage oder als Ersatzbrennstoff verbrannt werden. Auch dies ist jedoch mit Aufwand verbunden, obgleich die „Energierückgewinnung“ durch die Verbrennung angerechnet werden sollte. Inwieweit dies im Datensatz des Ecolizers der Fall ist, kann nicht nachvollzogen werden.

Folgende Datensätze werden verwendet:

PE Polyethylene 03.05
1. Waste treatment scenario in the EU

PS Polystyrene 03.09
2. Waste treatment scenario in the EU

Sowohl in Deutschland als auch in der EU hat Wellpappe eine sehr hohe Sammelquote, so dass hier von einer maximalen Recyclingquote ausgegangen werden kann. Maximal anrechenbar – sowohl als Recyclingprozess wie auch als eingespartes Primärmaterial – können jedoch nur 80 %. Das liegt an der Zusammensetzung von recycelter Wellpappe:

Mit jedem Recyclingdurchlauf werden die Fasern von Papier oder Pappe immer kürzer, was jede weitere Aufbereitung immer schwieriger macht. In die Wellpappe, die in der Regel bereits häufig recycelt wurde, werden daher immer Frischfasern eingearbeitet. Durchschnittlich wird bei der als „recycelt“ bezeichneten Wellpappe 20 % Frischfaser eingearbeitet. Selbst wenn also alle Kartonage gesammelt und recycelt wird, kann ganz konkret pro kg Wellpappe lediglich 80 % als „Gutschrift“ angerechnet werden.

Folgende Datensätze werden verwendet:

Cardboard 05.03
1. Proces (Recycling)
2. Primary Material saved

3.1.5 Berechnung der Umweltwirkung

Für die Berechnung der Umweltwirkung muss eine funktionelle Einheit (FE) festgelegt werden. Für das Beispiel soll die Funktion eines Aktenschrankes, mit dem Platz für 48 breite Aktenordner (Standardmaße) über eine Lebensdauer von 60 Jahren betrachtet werden.

Wie oben festgelegt, hat ein Aktenschrank aus Metall eine Lebensdauer von 60 Jahren, ein Aktenschrank aus Holz (auch aus Designgründen) eine Lebensdauer von 20 Jahren. Um für beide Beispiele dieselbe funktionelle Einheit zu erhalten, wird ein Referenzfluss von 

1 Aktenschrank aus Metall und 
3 Aktenschränken aus Holz 

betrachtet.

Wie auch bei dem ersten Beispiel mit dem Ecolizer folgen die Tabellen mit den Ergebnissen.


Legende für alle nachfolgenden Tabellen (teilweise aus dem Ecolizer übernommen):
Dunkelgrauer Wert: vertrauenswürdige Daten
Hellgrauer Wert: weniger vertrauenswürdige / beschränkt verfügbarer
Grüner Wert: unsichere Daten, Datenlücken
(!): generischer Wert für diese Materialgruppe
dann: Daten nicht verfügbar (data not available)
na: nicht anwendbar (not applicable)
RF: Referenzfluss (Anzahl der verwendeten Rührschüsseln, um 20 Jahre Nutzung abzudecken)
FE: Funktionelle Einheit
mPt: Eco-indicator millipoint
Tabelle 11: Transport Rohstoffe
Tabelle 12: Rohstoffe und Herstellung Aktenschränke
Tabelle 13: Rohstoffe und Herstellung Verpackung
Tabelle 14: Distribution der Aktenschränke
Tabelle 15: Transportweg der Entsorgung der Aktenschränke und Verpackung
Tabelle 16: Entsorgung Produktmaterialien
Tabelle 17: Entsorgung Verpackungsmaterialien
Tabelle 18: Übersicht gesamte mPt pro Produktbeispiel Aktenschrank aus Metall und aus Holz
3.1.6 Interpretation der Ergebnisse

Um die Ergebnisse bewerten zu können, muss zunächst geprüft werden, wie gut die Datenqualität ist.

Bei den „Herstellungsverfahren der Aktenschränke“ musste auf mPt-Ergebnisse des Datensatzes für das Verchromen sowie für das Gießen der Eckstücke verzichtet werden, da für diese Verfahren keine Daten vorliegen. Diese Datensätze würden das Ergebnis für die Rohstoffe / Herstellung der Aktenschränkte aus Metall etwas erhöhen. Darüber hinaus sind die im Beispiel benötigten Daten für die Herstellung und Entsorgung der Produkte vollständig verfügbar. Natürlich muss berücksichtigt werden, dass in der Praxis wesentlich mehr Details angerechnet würden, auch für den Aktenschrank aus Holz (z. B. Holzbehandlung, Furniere, etc.), wofür der Ecolizer keine Daten zur Verfügung stellt.

Bei den Verpackungsmaterialien muss auf Daten zur Herstellung der PE-Schaum-Folie verzichtet werden. Dies trifft jedoch beide Aktenschränke gleichermaßen, so dass sich dies (trotz der unterschiedlichen verwendeten Menge der Folie) nicht entscheidend auf das Ergebnis auswirkt.

Die Entsorgung der Verpackung kann aufgrund der fehlenden Daten für den Wellpappe-Karton nicht vollständig berechnet werden. Hier fehlen Gutschriften für die Vermeidung der Herstellung von Frischfasern. Auch dies ist nicht entscheidend für das Ergebnis, da auch dies beide Produkte betrifft und auch die unterschiedliche verwendete Menge keine größere Auswirkung hat.

Insgesamt würden also: Das Gesamtergebnis der mPts für die Herstellung der Aktenschränke aus Metall etwas erhöht. Bei der Herstellung der Verpackung müssten die Ergebnisse gleichermaßen etwas höher sein und für die Entsorgung durch die Gutschrift für die Verpackungskartons etwas verringert werden. Der im Ergebnis ermittelte Trend, dass der Aktenschrank aus Metall eine weitaus bessere Umweltverträglichkeit aufweist als der Aktenschrank aus Holz, bleibt daher bestehen.

Woran liegt das? Die unterschiedliche Lebensdauer hat eindeutig einen Einfluss auf das Ergebnis. Dennoch hätte der Aktenschrank aus Metall auch bei derselben Lebensdauer einen niedrigeren mPts-Wert erreicht als der Aktenschrank aus Holz. Dies kann neben der unterschiedlichen Lebensdauer vor allem an zwei wesentlichen Parametern festgemacht werden:

Hauptsächlich spielt der im ersten Beispiel (Rührschüsseln) bereits erläuterte Umgang mit Gutschriften für die Verwertung der Materialien eine große Rolle. Während Metall sorgfältig gesammelt wird und häufig in gleicher Qualität aufbereitet werden kann, wird Holz am Ende seines Lebens am sinnvollsten energetisch verwertet, d. h. es wird verbrannt und die Energie zur Strom- und Wärmegewinnung genutzt. Es ist nicht ersichtlich, inwieweit dies in den Datensatz der Holzverwertung des Ecolizers integriert ist und inwieweit sich dies in den mPts widerspiegelt. Auf jeden Fall scheint die Energiegewinnung im Ecolizer-Datensatz nicht ausreichend zu sein, um zu Gutschriften zu führen. In der Praxis wäre dieser Teil der Berechnungen besonders gut zu recherchieren und mit geeigneteren Datensätzen (aus anderen Datenbanken) zu bilanzieren. Für unser Beispiel ist hinzunehmen, dass Metalle am Lebensende im Vergleich zu anderen Materialien besonders gut abschneiden (siehe hierzu auch Anmerkungen zum Metallrecycling im Kapitel 2.1.6.)

Darüber hinaus spielt das höhere Gewicht des Holzschrankes beim Transport eine entscheidende Rolle: das höhere Gewicht verursacht höhere Umweltlasten. Gepaart mit dem Drittel der Lebensdauer eines Metallschrankes – und damit im Referenzfluss mit dem dreifachen Transportweg – wird hier eine beachtliche Menge mPts gesammelt.

In der Praxis ist daher ein hohes Transportgewicht der Produkte zu vermeiden. In der Bilanzierungstheorie sind pauschale Annahmen zu hinterfragen, die zu hohen Transportgewichten führen. Im Beispiel wurde pauschal angenommen, dass mit Verschnitten und sonstigen Abfällen zunächst das 1,5-Fache der Produktmenge als Rohmaterialien für beide Produktvarianten gleichermaßen angeliefert werden müssen. Was wäre, wenn der Faktor für den Holzschrank nur bei 1,2 läge? Bei „knappen“ Ergebnissen können solche Ungenauigkeiten durchaus entscheidend sein und sprechen daher stets für ein möglichst detailliertes Szenario-Design.

Für die Ergebnisse sind nun zwei tatsächliche und ein bilanztheoretischer Parameter hauptentscheidend:

Tatsächlich: Eine längere Lebensdauer und ein niedrigeres Produktgewicht verringern die Umweltlasten in diesem und ähnlichen Beispielen auf jeden Fall. Theoretisch: die im Ecolizer gemachten Annahmen zur Verwertung – und die daraus resultierenden mPts – sind fraglich. Eine detailliertere Analyse, ggf. eine Ökobilanz, könnte hier möglicherweise zu anderen Ergebnissen führen.

Suche schließen