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B2.4

Datenbanken

Verfügbarkeit und Hintergründe

Einleitung

Im Themenblock Analyse- und Bewertungsmethoden werden verschiedene Instrumente (s. Themenpapier B2.3 Analyse- und Bewertungsinstrumente) vorgestellt, die bei der ökologischen Bewertung von Materialien und Produkten helfen, z. B. einer Lebenszyklus-Analyse (Life Cycle Assessment, LCA). Keines dieser Instrumente könnte effektiv eingesetzt werden, wenn nicht Datenbanken mit den notwendigen Daten zur Verfügung stehen würden. Es existieren verschiedene Datenbanken nebeneinander; ihr Aufbau ist in der Regel ähnlich.

Diese Datenbanken enthalten Grund- und Prozessdaten, z. B. zur Bereitstellung von Energieträgern (Brennstoffdaten und Prozessketten), Technologien zur Bereitstellung von Wärme und Strom (z. B. Kraftwerke), Herstellungsprozesse verschiedener Stoffe (Baumaterialien, Chemikalien, Lebensmittel, Textilien, Nachwachsende Rohstoffe etc.) und auch verschiedene Dienstleistungen (z. B. Transporte mit verschiedenen Verkehrsträgern). In diesen Datensätzen sind die Input- (z. B. Rohstoffbedarf) und Outputstoffströme (z. B. Emissionen, Abfälle) enthalten. Werden diese Daten beispielsweise in einer Ökobilanz eingesetzt, in der der gesamte Lebenszyklus modelliert und mit den entsprechenden Datensätzen hinterlegt wird, kann auf Basis der Input- und Outputstoffströme eine detaillierte ökologische Analyse erfolgen.

Es liegt auf der Hand, dass die Daten solcher umfassenden Datenbanken nach aktuellen wissenschaftlichen Standards und nach höchsten Qualitätsansprüchen erstellt werden müssen, damit die darauf basierenden Analysen entsprechend aussagekräftig sein können. Dennoch ist es keineswegs ungewöhnlich, dass Ergebnisse dieser Datenbanken erheblich voneinander abweichen.

Woher kommen solche Unterschiede?

Viele dieser Daten werden durch (Teil-)Ökobilanzen bzw. daran angelehnte Methoden erstellt. Wie im Themenbereich B2.1 Die Ökobilanz erläutert, ist dies ein vielschichtiger Prozess, dessen Ergebnis wiederum von der Qualität der zur Verfügung stehenden Primärdaten beeinflusst wird sowie von Modellierungsentscheidungen – und nicht zuletzt vom zur Verfügung stehenden Budget.

Die Datensätze für die Herstellung eines kg Aluminium, dem Beschichten eines m² Blechs oder der Erzeugung einer kWh Strom können z. B. durch Erhebung von Primärdaten bei bestehenden Anlagen ermittelt werden. Dabei werden so viele Daten wie möglich erhoben – in der Regel aus Anlagen mit verschiedenen Technologien und aus Ländern mit unterschiedlichen Energiekonzepten. Bei der Datenerhebung können sich 5 Hersteller beteiligen oder auch 50, die Daten selbst sind errechnet, gemessen oder geschätzt. Stammen 90 % der rückläufigen Primärdaten aus Unternehmen aus Frankreich (Atomstrom dominiert1), wird ein niedrigerer durchschnittlicher CO2 Ausstoß ermittelt, als wenn 90 % der antwortenden Unternehmen aus Polen stammen. Es liegt hier in der Natur der Sache, dass sich generische Datensätze, die aus solchen Daten gebildet werden, je nach Zusammensetzung der Daten und der ermittelten Datenqualität unterscheiden.

Hinzu kommen Modellierungsentscheidungen, die unweigerlich zu treffen sind, z. B. bezüglich der Systemgrenzen, der funktionellen Einheit oder hinsichtlich Allokationen (s. Themenpapier B2.1 Die Ökobilanz). Bei vielen dieser Entscheidungen gibt es kein „richtig“ oder „falsch“ – sie werden im Rahmen wissenschaftlicher Grundsätze, angepasst an das definierte Szenario und den darauf basierenden Entscheidung des Modellierers, getroffen.

In den „größeren“ Datenbanken wird die Datenerstellung in der Regel umfangreich und nachvollziehbar dokumentiert. So ist es dem Anwender möglich, den Grund für unterschiedliche Ergebnisse herauszufinden und entsprechend in seinen eigenen Analysen zu berücksichtigen und seine Berechnungen zu adaptieren.

Es muss dem Anwender von Datenbanken aber bewusst sein, dass auch die besten Datenbanken keine Datensätze enthalten, die über jeden Zweifel erhaben sind oder gar eine ökologische Wahrheit abbilden. Die Qualität der Datensätze kann immer nur so gut sein wie die zugrunde liegenden erhobenen Daten. Auch bei den besten Absichten der Lieferanten der Primärdaten (z. B. den Unternehmen oder Anlagenbauern) und den die Datensätze erstellenden Wissenschaftlern, müssen in den meisten Fällen Kompromisse gemacht werden. Manche Informationen sind schlicht nicht vorhanden und/oder müssen z. B. abgeschätzt oder gemittelt werden. Oft müssen Datenlücken auch durch Literaturdaten geschlossen werden.

Diese Tatsache führt bei der Erstellung von ökologischen Analysen von Produkten oder Dienstleistungen zu zwei wesentlichen Schlussfolgerungen:

  1. Es können nicht einfach die Datensätze der gewünschten Materialien in der Reihenfolge der Prozessbearbeitung „aneinander gehängt“ werden, um Umweltauswirkung eines bestimmten Produktes bestmöglich zu ermitteln. Datenbanken können für die Nutzer immer nur ein Hilfsmittel darstellen. Die Anpassung bzw. Interpretation der Datensätze im Modell im Rahmen der für die Umweltanalyse gewählten Methode (s. Themenpapier B2.3 Analyse- und Bewertungsinstrumente) bleibt den Nutzern überlassen. In der Dokumentation sind die Qualität des jeweiligen Datensatzes und die Prämissen der Erstellung meist gut dokumentiert, so dass diese Informationen zu Rate gezogen werden können.
  2. Es ist sinnvoll, die Analyse eines Produktes soweit möglich mit Hilfe unter ähnlichen Bedingungen erhobenen Datensätzen durchzuführen (Prinzip der Konsistenz). Wie mehrfach in den verschiedenen Themenpapiere erwähnt, bilden Umweltdaten von Produkten oder Materialien nicht die ökologische Wirklichkeit ab. Sofern die verwendeten Daten aber unter ähnlichen Prämissen erstellt wurden und damit möglichst konsistent sind, ist jedoch zumindest eine Vergleichbarkeit gegeben. Gleichzeitig muss im Hinblick auf die Konsistenz natürlich darauf geachtet werden, dass bei der Datenauswahl auch innerhalb derselben Datenbank die richtigen Bezüge gewählt werden (z. B. zeitlich oder geographisch). Es ist wenig zielführend, einen 1 kg HDPE-Datensatz mit globalen Durchschnittsdaten aus dem Jahr 2002 mit einem 1 kg LDPE-Datensatz deutscher Produktion aus dem Jahr 2012 zu vergleichen. Diese Informationen sind ebenfalls in der Regel (in den so genannten Metadaten) der Datenbankdaten enthalten.

Die meisten der hier vorgestellten Datenbanken bieten Sachbilanzdaten zu Prozessen oder Materialien und ermöglichen so die Analyse beliebiger aus diesen Prozessen oder Materialien erstellbaren Produkte sowie die Möglichkeit der individuellen Auswertung dieser Daten. In Europa erstellte Ökobilanzen basieren häufig mehr oder weniger auf einer dieser genannten Datenbanken.

Es gibt jedoch auch unzählige Datenbanken, die aggregierte Umweltdaten bestimmter Produktgruppen themenorientiert bereitstellen (z. B. für Bauprodukte oder Kunststoffe). Einige dieser Datenbanken bzw. Bezugsquellen dieser Daten mit europäischem Bezug werden im letzten Kapitel beispielhaft dargestellt.

1 Ein hoher Atomstromanteil ist übrigens einer der Gründe, weshalb ein niedriger CO2Äqu Wert nicht immer auch gleich „umweltfreundlichere“ Produktion bedeutet.

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