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B1.7

3 Kreislaufführungen in der Entsorgungspraxis

3.1 Die gesetzliche Hierarchie der Kreislaufführungen

In der Realität ist das Bild allerdings deutlich komplexer, denn es gibt Kreislaufführungen auf sehr unterschiedlichen Ebenen wie die nachfolgende Abbildung zeigt:

Abbildung 4: Verschiedene Form der Kreislaufführung in der heutigen Entsorgungspraxis

Diese Darstellung nimmt die Begrifflichkeiten auf, die in der Europäischen Abfallrahmen-Richtlinie definiert werden4:

  • „Wiederverwendung“: jedes Verfahren, bei dem Erzeugnisse oder Bestandteile, die keine Abfälle sind, wieder für denselben Zweck verwendet werden, für den sie ursprünglich bestimmt waren;
  • „Recycling“: jedes Verwertungsverfahren, durch das Abfallmaterialien zu Erzeugnissen, Materialien oder Stoffen entweder für den ursprünglichen Zweck oder für andere Zwecke aufbereitet werden. Es schließt die Aufbereitung organischer Materialien ein, aber nicht die energetische Verwertung und die Aufbereitung zu Materialien, die für die Verwendung als Brennstoff oder zur Verfüllung bestimmt sind;
  • „Verwertung“: jedes Verfahren, als dessen Hauptergebnis Abfälle innerhalb der Anlage oder in der weiteren Wirtschaft einem sinnvollen Zweck zugeführt werden, indem sie andere Materialien ersetzen, die ansonsten zur Erfüllung einer bestimmte Funktion verwendet worden wären, oder die Abfälle so vorbereitet werden, dass sie diese Funktion erfüllen.

Die ökologischen Vorteile einer hochwertigen Kreislaufführung haben sich auch unmittelbar in einer gesetzlichen Vorrangregelung niedergeschlagen. Die folgende Abbildung zeigt dies schematisch.

Abbildung 5: Die „Abfall-Hierarchie“, die in der europäischen und deutschen Abfallgesetzgebung verankert ist

4 Vgl. RICHTLINIE 2008/98/EG vom 19. November 2008, Artikel 3 (13),(15) & (16).

3.2 Reale Umsetzung der verschiedenen Kreislaufebenen

Eine Vermeidung, dass Produkte zu Abfällen werden, wird insbesondere durch die Umsetzung der Ökodesign Prinzipien Langlebigkeit, Reparierbarkeit, aber auch durch Konzepte wie „Nutzen-Statt-Besitzen“ unterstützt.

Die Wiederverwendung von Produkten nach dem Ende ihrer Nutzung durch den Erstbesitzer findet heute faktisch überwiegend im Rahmen von einschlägigen Internet-Bösen, insbesondere bei Ebay und anderen vergleichbaren Plattformen, statt. Daneben gibt es natürlich auch die „klassischen“ Flohmärkte und Second-Hand Läden, sowie auch von Kommunen und/oder sozialwirtschaftlichen Betrieben betriebene Gebrauchtwarenhäuser. Ein weiteres, in der Öffentlichkeit meist weniger stark wahrgenommenes Feld, sind Refurbishing-Konzepte, bei denen gebrauchte Geräte professionell geprüft und überholt und dann erneut vermarket werden. Diese Konzepte werden überwiegend im Bereich höherwertiger Investitionsgüter realisiert, z. B. indem einschlägige Werkzeugmaschinen oder Serverraumausstattungen aufgekauft und einem Remarketing zugeführt werden.

Echtes Komponenten Recycling in dem Sinn, dass funktionale Komponenten aus Altprodukten, die zu Abfall geworden sind, ausgebaut und wieder in den Markt zurückgeführt werden, ist dagegen sehr selten. Faktisch erfolgt dies nur dort wo i) Altprodukte (zerstörungsfrei) getrennt gesammelt werden und es ii) einen funktionierenden Markt für die „ausgebauten“ Standardkomponenten gibt. Eines der wenigen funktionierenden Beispiele sind hier entsprechende Altteile (wie Lichtmaschinen, Scheinwerfer o. ä.) aus der Altfahrzeugentsorgung.

Der überwiegende Teil der Kreislaufführungen erfolgt aber lediglich auf der Ebene der einfachen Verwertung von Grundmaterialien. Derartige funktionierende Verwertungskreisläufe gibt es in der Entsorgungspraxis allerdings fast ausschließlich5 nur für:

  • Massenmetalle, Stahl & Eisen, Kupfer sowie Aluminium
    werden insbesondere getrennt erfasst (Schrott-Handel) und dann meist gemischt mit Primärrohstoffen in entsprechenden (Sekundär-) Hütten-Anlagen eingeschmolzen und als neuwertiger Grundstoff6 auf den Markt gebracht.
  • Bauschutte
    werden nach einer Behandlung in entsprechenden Brech- und Sortieranlagen entweder als Zuschlagsstoff oder insbesondere für Unterkonstruktionen z. B. im Straßenbau verwendet.
  • Glas
    Hier werden insbesondere alte Getränkeflaschen nach ihrer Getrenntsammlung und Sortierung wieder zu neuen Flaschen verwertet. Eine wirklich quantitative Verwertung von Glas aus Altfenstern oder Möbeln o. ä. findet dagegen praktisch nicht statt.
  • Papier
    Papier insbesondere aus dem Bereich der Verpackungen sowie der Druckprodukte wird nach verschiedenen Altpapiersorten getrennt erfasst und nach entsprechender Behandlung in Altpapierwerken quantitativ zu Recyclingpapierprodukten sowie als Zusatz zu Recyclingpapier haltigen Papier- und Pappequalitäten verarbeitet.7
  • Textilien
    Alttextilien werden nach ihrer Getrenntsammlung und einer Vorsortierung vielfach „gerissen“ und dann entweder zu Putztüchern oder als Faserfüllungen verwendet. Eine Verwertung zu neuen Textilfasern erfolgt dagegen faktisch nicht.
  • Verpackungskunststoffe
    Verpackungskunststoffe werden im Rahmen der verschiedenen Rücknahmesysteme für Altverpackungen erfasst, sortiert und regranuliert. Dieses Sekundärmaterial wird, vielfach nach Vermischung mit Primärgranulaten, einer erneuten Verwendung zugeführt.8

Gerade für die Abfallfraktionen aus Altprodukten – die ja meist Gegenstand von Design-Projekten sind – darf dies durchaus als abschließende Liste realer Verwertungsoptionen verstanden werden, zumindest solange der jeweilige Hersteller für seine eigenen Produkte nicht ein gesondertes System der Altproduktrücknahme konzipiert und etabliert.

5 Der Bezug sind hier mengenrelevante und breit etablierte Verwertungssysteme.

6 Allerdings können regelmäßig nicht alle Neuwarenqualitäten erzeugt werden, denn durch Verunreinigungen aus der Vermischung mit anderen Metallen kann die notwendige Reinheit z.B. für die besonders anspruchsvollen Tiefziehlegierungen bei Stahl oder Aluminium nicht erreicht werden.

7 Bei Papierfasern nimmt allerdings die Qualität (insbesondere die Faserlänge) mit jedem Verwertungskreislauf deutlich ab. Die Zahl der Kreisläufe ist damit faktisch limitiert.

8 Die direkte Verwendung als Verpackungsmaterial scheidet insbesondere bei Lebensmitteln aufgrund der hygienerechtlichen Anforderungen, aber vielfach auch aufgrund schwankender technischer Qualitäten allerdings in weiten Verwendungsbereichen aus. So kann das Sekundärmaterial z.B. bei Folien oder Bechern häufig nur in einer Zwischenlage verwendet werden.

3.3 Grenzen der Wirksamkeit kreislauffähiger Produkt-Lösungen

Damit wird auch deutlich, wo die Grenzen des Ökodesign-Prinzips „Kreislauffähigkeit“ liegen: in der Praxis der Entsorgungswirtschaft, die keineswegs auf kleinteilige (Sekundär-) Material-Ausschleusungen ausgerichtet ist.

Bei Produkten, die später mit hoher Wahrscheinlichkeit gemeinsam mit dem Hausmüll (d. h. über den „normalen“ Mülleimer) entsorgt werden, macht es faktisch nur wenig Sinn einen erhöhten (Ressourcen-) Aufwand zu investieren, um sie „recyclinggerecht“ zu konstruieren. Denn sie werden in Deutschland heute einer Müllverbrennungsanlage zugeführt. Umweltentlastend ist hier somit lediglich die Vermeidung von problematischen Stoffen, die in Abgas oder Schlacken dieser Anlagen zu Umwelt- oder Gesundheitsproblemen führen können. So werden z. B. die Textil- oder Kunststoffanteile eines „mülltonnengängigen“ Spielzeuges diesen Weg gehen und nicht in einer getrennten Materialverwertung gelangen.

Das Vorgesagte gilt faktisch auch für die Alt-Produkte, welche in eine Sperrmüllsammlung gegeben werden (wie z. B. Altmöbel) Auch hier erfolgt in der Entsorgungspraxis in der Regel keine weitere Trennung oder Zuführung zur Verwertung.9

Im Zuge der zunehmenden Einführung von Wertstofftonnen in den deutschen Kommunen verändert sich das Bild zumindest ein wenig. Werden dort z. B. gemeinsam mit den Kunststoffverpackungen auch „stoffgleiche“ Altprodukte, wie z. B. das ebenfalls auch einem einfachen PE-Kunststoff bestehende Spielzeug oder eine entsprechende Badelatsche entsorgt, so besteht eine Chance, dass diese Materialien zumindest auf der Ebene der Verpackungsmaterialverwertung in einen Kreislauf gelangen.

Bei Produkten, die besonderen Regelungen zur „abfallrechtlichen Produktverantwortung“ und damit in der Regel einer Getrenntsammlungs- und behandlungspflicht unterworfen sind, ergibt sich ein anderes Bild.

Diese Produkte sind derzeit:

  • Verpackungen
  • Altfahrzeuge
  • Elektrogeräte

Die Behandlung und Verwertung dieser Produktabfälle ist besonderen gesetzlichen Regelungen unterworfen. Dabei sind zum einen definierte Mindestanforderungen an die (Vor-) Behandlung zu erfüllen. So sind Altfahrzeuge z. B. vor der weiteren Entsorgung „trockenzulegen“ und bei Elektrogeräten sind Batterien und Akkumulatoren auszubauen. Zum anderen müssen definierte Verwertungsquoten erreicht werden. Diese beziehen sich bislang darauf, welche Massenanteile einer Verwertung zuzuführen sind.10

9 Eine Ausnahme machen teilweise größere (Eisen-) Metallanteile, die ggf. bereits vor der Verbrennung, sonst aber aus dem Verbrennungsschlacken magnetisch abgeschieden und in den Sekundärstahlprozess gegeben werden.

10 Dabei wird nach stofflichen und energetischen Verwertungswegen („Verbrennung“) differenziert, aber zum einen beziehen sich die Quotenanforderungen auf die Zuführung zu den Anlagen und nicht auf den späteren Output dieser Anlagen. Gehen also in einer Anlagen zur stofflichen Verwertung größere Mengenanteile „verloren“ z.B. durch einen Verbrennungsschritt im Verwertungsverfahren, so bleibt dies unberücksichtigt. Zum anderen zählt auch das einfache Untermischen / Auffüllen (z.B. als Zementzuschlagsstoff) z.T. bereits als stoffliche Verwertung.

3.4 Effekte gezielter Erfassungs- und Verwertungsprozesse

Diese grundlegenden Pflichten können allerdings auf sehr unterschiedliche Art und Weise erfüllt werden. Und gerade in Bezug auf die Frage, wie hoch der Anteil der „manuellen Demontage“ und wie selektiv die Materialabtrennung nach dem anschließenden Shreddern sind, unterscheiden sich die möglichen Praxislösungen.

Diese Lösungen unterscheiden sich aus ökologischer Perspektive durchaus gravierend. Dies zeigt z. B. das in der folgenden Abbildung darstellte Beispiel der Edelmetallrückgewinnung aus Elektroaltgeräten, die unterschiedlichen (Vor-) Behandlungsprozessen unterworfen wurden:

Abbildung 6: Rückgewinnungsraten von Goldgehalten in Elektroaltgeräten bei verschiedenen Entsorgungsprozesskonstellationen

Zentraler Treiber sind in der Entsorgungspraxis die Kostenrelationen zwischen den möglicherweise mit zusätzlichem Aufwand zu separierenden Materialfraktionen; aus diesem Grund gibt es faktisch, zumindest temporär, immer einen am Markt etablierten „Trennstandard“. Das Potenzial von Produkten, die über diesen etablierten Trennstandard hinaus kreislauffähig gestaltet wurden, wird dann leider nicht genutzt.

Vor dem Hintergrund solcher Analysen befassen sich heute durchaus einige große Herstellerfirmen mit Überlegungen, „ihre“ Altgeräte gesondert zurückzunehmen (z. B. in Form von Rücknahmeangeboten am „point of sale“) und sie dann sehr gezielt zu verwerten.

Derartige Konstellationen, d. h. Marketing oder auch (Re-)Marketing Konzepte, die einen Zugriff auf einen hohen Anteil der in den Markt gebrachten Produkte nach dem Erreichen des Endes ihrer Nutzung vermuten lassen, sind die ideale, aber zugleich auch notwendige Ausgangsbasis, wenn mit einem kreislauffähigen Produktdesign relevante Umweltentlastungspotenziale erschlossen werden sollen.

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