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B1.2

Reparierbarkeit

1 Konzeptionelle Idee und Ihre Grenzen

Eigentlich ist es nicht so unmittelbar einsichtig, warum Reparierbarkeit eine ökologisch positive Produkteigenschaft ist. Damit diese Eigenschaft „greifen“ kann, muss ein Produkt ja zuvor „kaputt“ gegangen sein und deutlich besser als dass ein Produkt „einfach“ reparierbar ist, ist es ja unzweifelhaft, wenn dieses schlicht länger hält.

Aber es gibt doch eine Reihe von Anlässen, bei denen sich Reparierbarkeit umweltseitig positiv auswirkt:

  • Es gibt eine Reihe, insbesondere mechanischer Produkte / Produktkomponenten, bei denen ein gewisser Verschleiß während der Produktnutzung unvermeidbar ist. Hier ist die Möglichkeit zum einfachen Austausch dieser Verschleißteile unmittelbar verbunden mit der technischen Lebensdauer des Gesamtproduktes. Denn diese wäre ohne Austauschmöglichkeit ja unmittelbar auf die Lebensdauer der Verschleißteile begrenzt.
  • Produkte erleiden im „richtigen Leben“ doch immer einmal wieder einen „nicht bestimmungsgemäßen Gebrauch“ (wie z. B. einen Sturz vom Tisch o. ä.). Dies hat häufig die Beschädigung einzelner Produktteile zur Folge. In diesem Fällen vermeidet eine Reparatur das vorzeitige Ende des Produktlebens und sie sorgt dafür, dass der in das Produkt eingeflossene Aufwand an natürlichen Ressourcen noch länger den eigentlich beabsichtigten Nutzen stiften kann. (bzw. sie vermeidet neuen Ressourceneinsatz für die Herstellung eines Ersatzproduktes).
  • Insbesondere bei komplexen technischen Geräten (z. B. aus dem Bereich der IK-Technik) geht Reparierbarkeit vielfach auch mit der Möglichkeit für eine technischen Aufrüstbarkeit / Anpassbarkeit an neue technologische Standards einher. Sie kann damit einen relevanten Beitrag zum Erreichen einer möglichst langen Nutzungsdauer (zu den Definition von Lebens- versus Nutzungsdauer vgl. die Definitionen im Themenpapier B1.1 Langlebigkeit).

Viele gute Gründe also, Produkte reparierbar zu gestalten, zumal die grundlegenden technischen Konzepte zur Gestaltung reparierbarer Produkte wie:

  • modularer Aufbau,
  • Nutzung lösbarer Verbindungstechniken,
  • Verwendung standardisierter Bauteile

im Produktdesign wohlbekannt sind.

Doch auch bei der Reparierbarkeit gibt es ein klares „Aber“, denn was helfen „reparierbar gestaltete Produkte, wenn sie später nicht auch einer Reparatur unterzogen werden – soweit dies aus einem der oben genannten Gründe heraus notwendig ist.

Zentral sind hier Fragen wie: Gibt es Anbieter einschlägiger Reparaturleistungen? Erhalten die Nutzer (alternativ) Hilfestellungen für eigene Reparaturen? Sind Ersatzteile zu angemessenen Kosten verfügbar?

Die klassische Reparaturwirtschaft, in Form direkt vor Ort verfügbarer qualifizierter Handwerksbetriebe (vom Schuster bis zum Elektrofachmann) ist in den letzten Jahrzehnten fast flächendeckend „ausgestorben“.1

Aus diesem Grund ist es sinnvoll, dass die Herstellung reparierbarer Produkte eingebunden ist in Vermarktungs-.und Nutzungsmodelle, die die Verfügbarkeit entsprechende Reparaturmöglichkeiten unterstützen.

Dies können zum einen Marketingmodelle sein, die Langlebigkeit und Servicefreundlichkeit als besonders (Alleinstellungs-) Merkmal beinhalten, wie dies z. B. bei den hochpreisigen Haushaltsgeräten der Fa. Miele der Fall ist. Hier gehören ein weit gespanntes Netz qualifizierter Wartungs- und Servicezentren sowie das Angebot langlaufender Wartungsverträge als feste Bestandteile zum Gesamtangebot. Zum anderen können Hersteller Ersatzteile und Reparaturanleiten mit den Möglichkeiten des Internet breit und einfach zugänglich machen und damit sowohl die Reparatur durch die Endkunden als auch kleine unabhängige Reparaturdienstleister unterstützen. Einen solchen Weg geht z. B. der Massenhersteller von Laptops Lenovo. (vgl. hierzu auch das Themenpapier C2 Illustrative Beispiele: Reparierbar).

Weitere Ansätze, die das Potenzial reparierbarer (wartbarer / aufrüstbarer) Produkte wirksam werden lassen, sind die Konzepte der sharing economy. Unter dem Schlagwort „Nutzen statt Besitzen“ lassen sich hier verschiedenste Geschäftsmodelle subsummieren, bei denen der Endkunde nicht das Eigentum, aber die Möglichkeit zur (jederzeitigen) Nutzung der Produktfunktion (z. B. in Form von Miete, Leasing o. ä.) erwirbt. Das Eigentum und damit das Interesse an einem möglichst langandauernden Erhalt des funktionalen Nutzens verbleibt dabei bei einem zentralen (meist) gewerblichen Akteur. Dieser kann mittels seiner Marktmacht, seinen Kompetenzen und nicht zuletzt den gebündelten finanziellen Ressourcen dem eigentlichen Produkthersteller gegenüber deutlich effektiver Reparierbarkeit und Ersatzteilversorgung einfordern.

In den weiteren Abschnitten diesen Themenpapiers werden einige weitere Fakten und Hinweise sowohl zur ökologischen als auch zur ökonomischen Bedeutung von Reparierbarkeit verfügbar gemacht.

1 Nicht zuletzt, da die Produkte im Markt immer schlechter reparierbar wurden und unabhängige Reparaturanbieter immer schwerer an Ersatzteile herankamen.

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