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A2.3

2 Verschiedenartige Textilfasern

2.1 Allgemeines zu Textilfasern

Man könnte meinen, dass heute sowohl bei Bekleidung als auch bei Wohn­textilien zumindest auf den Märkten in den entwickelten Industriestaaten eine Art Sättigung eingetreten ist. Diese wird jedoch durch die schnellen Modezyklen offensichtlich wirksam verhindert. Der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch von Textilien liegt in industrialisierten Ländern bei etwa 25 kg – 1950 lag er noch bei rund 5 kg pro Kopf. Etwas mehr als die Hälfte dieses Verbrauchs macht die Bekleidung aus.1

Der gestiegene Textilbedarf wird vor allem durch einen Zuwachs bei den Kunstfasern gedeckt, wie die Zahlen der Industrievereinigung Chemiefasern e.V. in Tabelle 1 zeigen:

Tabelle 1: Weltproduktion von Textilfasern seit 1975 (Angaben in 1000 Tonnen)
Quelle: IVC e.V.

Die Darstellung der Weltproduktionsmengen in Anteilen in Tabelle 2 zeigt, dass die Kunstfaser inzwischen rund 70% des Bedarfes deckt:

Tabelle 2: Anteilige Weltproduktion von Textilfasern seit 1975 (Angaben in 1000 Tonnen)
Quelle: IVC e.V., aufbereitet durch Ökopol GmbH

Bei den Kunstfasern führen Polyesterfasern die Rangliste mit großem Abstand an, wie die Daten des IVC e.V. in Tabelle 3 und Tabelle 4 zeigen:

Tabelle 3: Weltproduktion von Chemiefasern (Angaben in 1000 Tonnen)
Quelle: IVC e.V.
Tabelle 4: Anteilige Weltproduktion von Chemiefasern (Angaben in 1000 Tonnen)
Quelle: IVC e.V., aufbereitet durch Ökopol GmbH

Was sollen uns diese Zahlen sagen? Dass es gar nicht so einfach ist mit der ökologischen Gestaltung von Textilien.

Einerseits ist die Versuchung groß, Naturfasern als ökologischer einzustufen als Kunstfasern. Andererseits ist unser Weltbedarf so groß, dass wir diesen Bedarf definitiv nicht durch Naturfasern und die damit verbundene Umweltbelastung decken können. Es stellt sich also die Frage, ob die Lösung der Umwelt­problematik tatsächlich in der Gestaltung der Textilien liegen kann oder ob wir nicht vielmehr bei der „Gestaltung“ unseres Konsumverhaltens ansetzen müssen.

Diese letzte Frage ist wohl eindeutig mit „Ja“ zu beantworten. Dieses Themen­papier konzentriert sich dennoch auf die Betrachtung der technischen Prozesse der Rohstoffgewinnung und der Herstellungsverfahren, damit deren ökologi­sches Wirken besser beurteilt werden kann. Zweifelsohne gehört jedoch die Beeinflussung des Konsumverhaltens bzw. die Entwicklung alternativer Geschäfts- und Marketingmodelle ebenfalls zu einem umfassend ökologischen Produkt-Design.

2.2 Naturfasern

30% des gesamten Textilfaserbedarfs wird durch Naturfasern gedeckt. Den größten Teil davon (29% am gesamten Textilfaserbedarf) machen Baumwollfasern aus (siehe Tabelle 2).

Die einzige andere statistisch relevante Naturfaser ist mit 1% die Wolle; alle anderen Fasern, wie Hanf, Leinen, Jute oder auch Brennnessel findet man lediglich unter „ferner liefen“. Dabei sind diese Naturfasern durchaus für die Herstellung von Textilien geeignet, zum Teil auch für hochwertige Bekleidungs­textilien. Und diese Fasern weisen vergleichsweise geringe Umweltlasten auf.

Da Baumwolle jedoch den entscheidenden Anteil an den Naturfasern ausmacht, wird diese Samenfaser hier genauer betrachtet.

2.2.1 Baumwolle

Baumwolle wird hauptsächlich in den USA, China, Indien, Pakistan, Brasilien, Usbekistan, Westafrika, der Türkei und in Australien angebaut. Die Pflanze ist sehr empfindlich und bedürftig, was beim Anbau zu einer hohen Umweltbe­lastung führt. Zum einen hat sie einen sehr hohen Wasserbedarf (ca. 8.000  teilweise aber auch bis zu 20.000 l/kg Liter Wasser je kg Baumwolle), während sie gleichzeitig bevorzugt in warmem, trockenem Klima wächst. Das bedeutet, dass sie stark bewässert werden muss. Außerdem ist sie sehr anfällig für Schädlinge, was einen hohen Pestizideinsatz nach sich zieht. Um die Baumwolle für ein T-Shirt anzubauen, werden durch­schnittlich etwa 150 g Pestizid auf der Anbaufläche versprüht – mehr als für jedes andere landwirtschaftliche Anbauprodukt und nur ein bisschen weniger, als das T-Shirt selbst wiegt.2

Um die Resistenz gegen Schädlinge zu erhöhen, wurden Baumwollpflanzen in jüngster Zeit gentechnisch verändert. Mittlerweile sind bereits rund 70% der gesamten konventionell angebauten Baumwolle genmanipuliert.3

Eine Alternative dazu bietet zumindest theoretisch der Bioanbau. Bisher liegt der Bio-Baumwollanteil allerdings noch unter 1% des weltweiten Baumwoll­marktes.4 Praktisch ist eine Umstellung schwierig, da die bisher konventionell genutzten Flächen über Jahre hinaus nicht für den Anbau von Baumwolle in Bioqualität genutzt werden können, da sich die bisher eingesetzte Gifte im noch im Boden befinden oder sie die Gewässer verunreinigt haben. Bodenschäden durch fehlerhafte Bewässerung lassen sich ebenfalls nicht einfach rückgängig machen. Während dieser Umstellungsphase müssen die Bauern (oder Konzerne) daher die höheren Kosten des Bioanbaus und der Umstellung tragen, während sie auf dem Markt aber noch keine höheren Preise für Bioqualität realisieren können.

Das bedeutet in der Praxis, dass Bio-Baumwolle zwar aus Gestaltungssicht eine Option für die Herstellung ökologischer Produkte darstellt, dieser Rohstoff jedoch auf absehbare Zeit nur begrenzt zur Verfügung steht.

2.2.2 Wolle

Bei relativ gleichbleibender Produktionsmenge geht der Anteil der Wolle an der Gesamtproduktionsmenge angesichts steigenden Faserverbrauchs zurück und liegt nunmehr nur noch bei etwa 1% an der Gesamtfasermenge. Den größten Anteil hat Schafwolle, die hauptsächlich in Australien, Neuseeland und Osteuropa erzeugt wird. Für die Erzeugung von 1 kg Wolle werden bis zu 120.000 Liter Wasser benötigt. Bei Wasserbedarf unterschiedlicher Rohstoffe ist allerdings immer zu beachten, dass ein ausschließlicher Mengenverbrauch aus Umweltperspektive nicht aussagekräftig ist. Wichtig ist es, in was für einer Region der Wasserverbrauch entsteht. (s. hierzu Themenpapier A1.7 Entnahme und Nutzung von Wasser) Schafszucht findet nur z.T. in Regionen mit Trinkwassermangel statt.

Daneben werden vor allem Lama- und Kamelhaar, Angora, Kaschmir oder Mohair in nennenswertem Umfang verarbeitet.

2.3 Chemiefasern

Tabelle 1 bis Tabelle 4 zeigen, dass der weltweite Bedarf an Textilfasern überwiegend durch Chemiefasern gedeckt wird. Der Anteil an Chemiefasern macht inzwischen rund 70% aus.

Bei Chemiefasern muss zwischen Fasern aus nachwachsenden Rohstoffen (z.B. Zellulosefasern) und nicht nachwachsenden Rohstoffen (z.B. Polyester) unterschieden werden. Zu den grundsätzlichen Aspekten der Kunststoff­herstellung wird auf das Themenpapier A2.2 Kunststoffe verwiesen. Einige Aspekte von biobasierten Polymeren finden sich auch im Themenpapier B1.6 Nachwach­sende Rohstoffe.

2.3.1 Chemiefasern aus nachwachsenden Rohstoffen

Zellulosehaltige Rohstoffe, wie Pinienholz, Buche, Eukalyptus oder Sträucher, können der Gewinnung von Zellulosefasern dienen. Auch Abfälle aus der Landwirtschaft, z.B. von Weizen, Mais, Reisstroh oder Bambus, können dafür verwendet werden. Diese Fasern aus NaWaRo machen rund 7% der weltweiten Produktionsmenge aus.

Aus etwa fünf Festmetern Holz können 1.000 kg Zellstoff für rund 950 kg Viskosefasern gewonnen werden. Auch wenn der Grundstoff sehr natürlich klingt, müssen für den Aufschluss der Zellulose größere Mengen an Chemikalien eingesetzt werden, wie Schwefelkohlenstoff und Natronlauge.

Zellulosefasern (z.B. Viskose, TENCEL® / Lyocell®  Cupro, Bambus) können sich in ihren Eigenschaften stark unterschieden, ebenso im Herstellungsauf­wand.

Darüber hinaus lassen sie sich über die Beimischung von Stoffen gezielt und gut mit „intelligenten Eigenschaften“ ausstatten, so dass sie für spezifische Einsatzmöglichkeiten und eine lange Lebensdauer hergestellt werden können.

2.3.2 Chemiefasern aus nicht nachwachsenden Rohstoffen

Durch die Herstellung von synthetischen Fasern werden rund 63% der welt­weiten Produktionsmenge abgedeckt. Der Energiebedarf für die Herstellung ist hoch; als Rohstoff werden jedoch weit weniger als ein Prozent des weltweit geförderten Erdöls genutzt.

Ein Vorteil der synthetischen Fasern besteht wie bei den Zellulosefasern darin, dass den Stoffen bereits bei der Herstellung des Garns unterschiedliche Materialeigenschaften mitgegeben werden können. Dazu gehört unter anderem auch die Beeinflussung der Garndicke. Insgesamt kann dadurch die Qualität und Haltbarkeit, Tragekomfort oder Pflegeeigenschaften der Textilien beeinflusst werden.

Polyester ist mit 74% Produktionsanteil die meistgenutzte Faser unter den Chemiefasern, gefolgt von Polyamid mit 7% und Polyacryl mit 5%.

1 Diekamp, Kirsten, Koch, Werner: Eco Fashion. Stiebner Verlag, München, 2010.

2 http://www.umweltinstitut.org/fragen-und-antworten/bekleidung/baumwolle-anbau.html.

3 http://www.umweltinstitut.org/fragen-und-antworten/bekleidung/baumwolle-anbau.html.

4 Diekamp, Kirsten, Koch, Werner: Eco Fashion. Stiebner Verlag, München, 2010.

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