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A2.3

3 Herstellungsprozesse

Nachfolgend werden die zentralen Herstellungsprozesse der textilen Lieferkette in Hinblick auf ihre Umweltrelevanz charakterisiert.

3.1 Herstellung der Rohfasern

Bei der Herstellung der Rohfasern sind je nach Herkunft jeweils unterschied­liche Aspekte zu beachten. Diese wurden vorstehend bereits beschrieben.

Nicht verarbeitete Materialien können möglicherweise recycelt oder anderweitig verwendet werden. Während z.B. früher ein Großteil der Baumwollpflanze weg­geworfen wurde, wird heute die gesamte Pflanze sinnvoll verwertet. Abfälle chemischer Fasern können gegebenenfalls als Einsatzmaterial für die Herstellung frischer Fasern dienen.

3.2 Garnherstellung

Bei der Garnherstellung sind die Prozessschritte Zwirnen und Spinnen adressiert.

Auch bei der Garnherstellung spielt der Einsatz geeigneter Stoffe eine Rolle. So können für eine ökologische Produktgestaltung die Zusatzmittel für Spinn­lösungen, Spinnzusatzmittel und Zubereitungen für das Primärspinnen solche Stoffe gewählt werden, die weitestgehend biologisch abbaubar oder zumindest in der Abwasserbehandlung entfernbar sind.

Auch hier ist der Umgang mit Abfällen zu beachten. Die anfallende Menge Faserabfälle kann möglicherweise verringert oder sinnvoll verwertet / recycelt werden.

Insbesondere für die Gesundheit der Arbeiter vor Ort spielt bei diesem Prozessschritt die Staubemission bzw. deren Vermeidung eine Rolle.

3.3 Flächenherstellung

Unter die Rohwarenherstellung fallen Arbeiten wie das Weben, Stricken oder Wirken. Was schädliche Stoffe betrifft, sind in diesem Prozessschritt besonders die Schlichten zu beachten, die häufig biologisch nur schwer abbaubar sind. Darüber hinaus sind auch hier die Reduzierung bzw. sinnvolle Verwendung von Abfällen sowie die Verminderung von Staubemissionen (vor allem aus Arbeits­schutzgründen) relevant.

3.4 Textilveredelung

Zur Textilveredelung gehören die Arbeitsschritte Vorbehandlung, Färben, Bedrucken und Ausrüsten.

Gerade dieser Prozessschritt ist von zentraler Bedeutung für die Frage der Verwendung gefährlicher Stoffe. Die gefährlichen Stoffe, die hier zum Einsatz kommen könnten, können nicht abschließend aufgezählt werden.

In den einzelnen Verarbeitungsschritten, vor allem beim Färben und Ausrüsten, kommen viele hundert verschiedene Chemikalien, Hilfsmittel und Farbstoffe zum Einsatz: So ca. 5 800 Produkte bei Ausrüstungschemikalien und Hilfsmitteln mit 400-600 Wirkstoffen und ca. 2.000 Farbstoffe, deren toxikologische und ökotoxikologische Auswirkungen bei einer umweltbe­zogenen Bewertung zu berücksichtigen sind.

Naturgemäß kann an dieser Stelle nicht auf all diese Stoffe eingegangen werden. Um nachvollziehbar zu machen wovon denn hier die Rede ist nachfolgend aber einige Beispiele:7

Nonylphenolethoxylat (NPEO)

NPEO kommt als Tesid im Verlauf der Textilveredelung zum Einsatz. Es kann aber auch aus Prozessen der industriellen Reinigung in Textilien gelangen.

Das NPEO, welches im Abwasser aus der Textilveredelung oder der Textilreinigung enthalten ist, wird unter den Bedingungen von Kläranlagen zu Nonylphjenol abgebaut. Dieser hormonell wirksame Schadstoff beeinträchtigt u.a. die Fortpflanzungsfähigkeit von Fischen.

Während in Deutschland seit Anfang der 90er Jahre NPEO gegen weniger problematische Stoffe ausgetauscht wird, kann es in importierten Textilien immer noch enthalten sein.

Per- und polyfluorierte Chemikalien (PFC)

PFC besitzen wasser-, fett- und schutzabweisende Eigenschaften deshalb werden sie gerade in Outdoor- und Arbeitsbekleidung aber auch als schmutzabweisende Ausrüstung von textilen Bodenbelägen eingesetzt. Darüber hinaus enthalten viele Imprägniermittel für Bekleidung und Schuhe PFC.

Gelangen PFC in die Umwelt verbleiben sie dort sehr lange. Es handelt sich um sogenannte persistente Stoffe, die weder biologisch noch abiotisch abgebaut werden. Aufgrund der langen Lebensdauer verteilen sich diese Stoffe weltweit. Einige reichern sich in Organismen an, andere verfügen über toxische Eigenschaften oder schädigen die Fortpflanzung.

Inzwischen ist es möglich wasserabweisende Bekleidung auch frei von PFC zu produzieren.

Phthalate

Als Weichmacher sind Phthalate gerade in einfacher Regenbekleidung, Lederimitaten aber auch in PVC-Aufdrucken auf Textilien zu finden.

Auch Phthalate verfügen über fortpflanzungsgefährende Eigenschaften

Farbstoffe mit krebs- und allergieauslösenden Eigenschaften

Farbstoffe kommen in den Farbmitteln für die Färbeprozessen der Textilveredelung zum Einsatz. Einige dieser Farbstoffe verfügen über können toxische Eigenschaften bzw. können sie diese Eigenschaft unter üblichen Nutzungsbedingungen entwickeln. Bei Farbstoffe die aus krebsauslösenden aromatischen Aminen hergestellt werden (dies gilt für einen relevanten Teil der sogenannten Azofarbstoffe)  kann es bei einer Aufnahme in den Körper zu einer Reückspaltung in diese Amine kommen, die dann dort ihre krebserregende oder allergieauslösende Wirkung entfalten.

Eine solche Aufnahme über die Haut ist insbesondere dann möglich, wenn die Farbmittel aufgrund fehlerhafter Produktionsprozesse nicht ausreichend fest auf den Fasern gebunden sind.

Bei etwa 2% aller Kontaktallergien die in deutschen Hautkliniken registriert werden, wird dies auf Schadstoffe aus Textilien zurückgeführt.

Organozinnverbindungen

In der Textilveredelung werden z.T. Biozide eingesetzt, um so der Geruchsbildung aufgrund der Zersetzung von Körperschweiß entgegenzuwirken. Eingesetzt werden hier Silberverbindungen oder auch feinste Fäden aus Nanosilber sowie eine Reihe weiterer Stoffgruppen.

Neben möglichen allergischen Reaktionen der Haut stellen auch Beeinträchtigungen der hauteigenen Bakterienpopulation sowie mögliche  Resistenzbildungen mögliche Folgeprobleme dar.

Die Biozide werden darüber hinaus im Verlauf von Waschprozesse zu einem hohen Anteil aus den Textilien ausgewaschen. Mit dem Abwasser gelangen sie in (biologische) Kläranlagen und entfalten dort unerwünschte z.T. aber noch nicht abschließend erforschte Wirkungen.

Wer sich substanziell um ökologische Textilien bemüht ist, wird nicht umhin kommen, sich mit dieser komplexen Thematik tiefergehend zu befassen. (s. hierzu auch das Themenpapier A1.4 Schadstofffreisetzung)

Halten die Textilien die Anforderungen ambitionierter Umweltzeichen für Textilien ein (s. Abschnitt 7), kann dies als eine gute Orientierung im Bereich dieser schwierigen Thematik genutzt werden.

Neben den verwendeten Stoffen selbst ist bei der Textilveredelung auch die Menge des Wasserbedarfs relevant sowie (bei den eingesetzten Stoffen unvermeidlich) insbesondere die Frage, ob die Abwässer und die Abluft nach dem Stand der Technik gereinigt werden.

3.5 Konfektion

In der Konfektionierung werden die Textilien zusammengesetzt und fertig gestellt. Die textilen Flächen werden zugeschnitten, zusammengefügt (Nähen, Schweißen, Kleben), geformt und nachbehandelt.

Dieser Schritt ist für die Umweltwirkungen weniger relevant. Allerdings können hier aufgrund von Verarbeitungsproblemen Fehlchargen entstehen. Da zu diesem Punkt im Produktlebensweg bereits vergleichsweise viele (Umwelt-) Ressourcen in die Produkte eingegangen sind, ist dies aus Umweltsicht problematisch.

Das Abfallproblem tritt auch auf, wenn aufgrund logistischer Übermengen ganze Chargen nicht abgesetzt werden können.8 In diesen Fällen gibt es allerdings meist Möglichkeiten zum Absatz in anderen Märkten,9 zumindest soweit die Produkte dort grundsätzlich geeignet sind.10

3.6 Einflüsse auf die Umweltwirkung

In jedem dieser Prozessschritte ist mit Emissionen durch Schadstoffe zu rechnen. In Staaten ohne einschlägige Regelungen können diese Emissionen durch den Betreiber einer Anlage ungehindert in die Luft oder das Wasser in die Umwelt eingeleitet werden und damit zu entsprechenden Umweltschäden führen. Viele der in der Textilindustrie verwendeten Chemikalien sind schädlich oder giftig und können in der Umwelt große Schäden anrichten.

Natürlich sind diese Schadstoffe vor der Einleitung in die Umwelt besonders auch für die Arbeiter schädlich, die damit tagtäglich ohne Schutz in Berührung kommen.

Achtung: In vielen Branchen werden CO2-Äquivalente, Global Warming oder Klimawandel als Indikator als Maßzahl für ihre Umweltfreundlichkeit heran­gezogen. Das ist bei vielen technischen Produkten auch eine gar nicht so schlechte Annäherung, da dort der Energiereinsatz z.B. für die Erzeugung von Metallbauteilen etc. durchaus dominierend sein kann. In der Textilbranche führen solche Indikatoren aber eher in die Irre. Hier spielen die Schadstoff­emissionen während der Herstellung sowie die negativen Einwirkungen auf Böden und Gewässer bei der Fasergewinnung ein deutlich gravierendere Rolle.

3.7 Hinweise für Produktdesigner

Versuchen Sie herauszufinden, woher die Vorprodukte stammen, wie also die Lieferketten aufgebaut sind. Wirklich ökologische Produktgestaltung ist bei Textilien nur in dem Unternehmen möglich, das seine Zulieferer und deren Verfahren kennt und ggf. Einfluss nehmen bzw. Unterstützung bieten kann. Sofern das der Fall ist, drängen Sie auf Gefahrstoffsubstitutionen und Anlagentechniken nach dem Stand der Technik.

Setzen Sie sich mit den verwendeten Rohstoffen und deren Herstellung auseinander. Fasern aus nachwachsenden Rohstoffen sind bestimmt erstrebenswert, aber nicht gleichbedeutend mit Umweltfreundlichkeit! Auch hier können giftige Stoffe, schädliche Verfahren oder zerstörerischer Anbau die Grundlage sein. Umgekehrt sind Chemiefasern nicht zwingend umwelt­schädlich. Vermeiden Sie Schwarz-Weißdenken.

Vermeiden Sie Abfälle! Alles, was weggeworfen wird, musste zuvor hergestellt, bearbeitet, gefärbt und transportiert werden. Achten Sie beispielsweise beim Zuschnitt der textilen Flächen darauf, die Schnittstücke durch sogenanntes Schachteln oder Nesting optimal anzuordnen. Mit spezialisierter Nesting-Software lässt sich dies automatisieren – beispielsweise auf CNC-Zuschnei­demaschinen.

Sammeln Sie unvermeidbare Abfälle am besten getrennt, damit diese ggf. weiterverwendet werden können.

Arbeiten Sie mit allen Beteiligten so eng wie möglich zusammen – auch mit Verkäufern und Storebetreibern. Entwerfen Sie langlebige Produkte, auch in Sachen Mode.

„Pink it and shrink it“ ist die Formel für eine unverkäufliche Damenkollektion!

Statt wie bislang den üblichen schnelllebigen Modetrends nachzujagen folgen Sie eher dem Ansatz der Slow Fashion Bewegung, die einen grundlegenden Bewusstseinswandel bei den Konsumenten anstrebt.

7 Diese Beispiele stammen aus dem Buch „Fast Fashion – Die Schattenseiten der Mode“, welches anlässlich der gleichnamigen Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg vom 20. Mai – 20. September 2015 publiziert wurde.

8 Z.T. Geben die großen Ketten des Textilhandels einen Teil der Marktrisiken an ihre Vorlieferanten weiter und wenn bestimmte Kollektionen in Europa oder Nordamerika „nicht laufen“, dann werden ganze Chargen bereits produzierter Waren nicht abgenommen.

9 Meist in den sich entwickelnden Staaten, wo die Produkte dann allerdings nur zu geringeren Preisen abgesetzt werden können. Dies ist dann aber ein ökonomisches und nicht ein ökologisches Problem.

10 Abendkleider oder Wintermäntel in skandinavischer Größe finden nicht überall passende Kunden…

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