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A1.4

3 Schadstoffe in der Sachbilanz

Grundlage und Eingangsinformationen für die Wirkungsabschätzung im Rahmen einer Ökobilanz ist immer die Sachbilanz (s. Themenpapier B2.1 Die Ökobilanz und dort Kapitel 2.4 Sachbilanz). Diese muss für die Betrachtung von Schadstoffwirkungen auch Daten über die Art und die Mengen der aus den verschiedenen Prozessstufen emittierten Schadstoffe enthalten.

In der Praxis sind derartige quantifizierte Informationen zur Schadstofffreisetzung für die Vielzahl der realen (Herstellungs-, Transport-, Nutzungs- und Entsorgungs-) Prozesse allerdings nur sehr selten verfügbar. Dies gilt sowohl bei Bestrebungen, spezifische Informationen für die Prozesse einer ganz konkreten Prozesskette direkt zu erheben, als auch für den Rückgriff auf Standardwerte der in LCA-Datenbanken (s. Themenpapier B2.4 Datenbanken) hinterlegten Bilanzwerte für „Standardprozesse“.

Der Grund für diese Schwierigkeit liegt schlicht darin begründet, dass Daten zur Freisetzung einzelner Schadstoffe in der (betrieblichen) Praxis nur sehr selten erhoben werden.

Die entsprechenden Messungen erfolgen eigentlich nur dann, wenn sie z. B. zum Nachweis der Einhaltung rechtlicher Anforderungen an die Emissionen notwendig sind. Solche rechtlichen Anforderungen (z. B. nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz) beziehen sich jedoch in der Regel auf Summenparameter, also Gruppen von Stoffen, die eine strukturelle, aber nicht notwendigerweise auch eine (öko-)toxikologische Ähnlichkeit haben. Beispiele für solche Summenparameter sind Stickoxide (NOx) oder halogenierte organische Verbindungen (AOX). Diese im Immissionsschutzrecht und auch Wasserrecht geregelten Stoffgruppen und Einzelstoffe sind bezüglich ihrer schädlichen Wirkungen auf Mensch und Gesundheit durchaus relevant.

Aus den meisten Prozessen und Produkten werden aber weitaus mehr Schadstoffe emittiert, die für die die Bewertung der Human- und Ökotoxizität (Wirkungskategorien in der Ökobilanz) von deutlich höherer Bedeutung sind. Da für diese Stoffe keine spezifischen Mess- oder Kontrollpflichten bestehen, fehlen entsprechende Daten.

Im Ergebnis führen die skizzierten Mechanismen dazu, dass bereits für die Erstellung der Sachbilanz in den meisten Fällen eine nur sehr unzureichende Informationsverfügbarkeit besteht. Faktisch fehlen für die meisten spezifischen Prozesse quantifizierte Informationen über

  • Art und Einsatz- oder Anwendungsmengen von Chemikalien, also z. B. zu Pestiziden und Düngemitteln, Prozesshilfsmitteln, Reinigungsmitteln, Additiven oder Flammhemmern (Input);
  • Emissionsmengen von Schadstoffen in die Luft, das Abwasser, den Boden und / oder das Grundwasser (Output).

Daraus folgt, dass in der Sachbilanz vielfach nur die Schadstoffemissionen aus Transportprozessen und Prozessen der Energiegewinnung zusammengestellt werden (können). Hingegen fehlen in der Regel die Emissionen der Schadstoffe (gefährliche Stoffe), die im Prozess und/oder Produkt eingesetzt bzw. im Prozess oder Produkt entstehen können. Für diese überall gebräuchlichen Standardprozesse sind in den verfügbaren LCA-Datenbanken entsprechende Durchschnittswerte hinterlegt.

Das Verständnis dieser als geradezu systematisch zu bezeichnenden Lückenhaftigkeit der meisten Ökobilanzierungen für den Bereich der Schadstofffreisetzungen ist von Bedeutung, um Fehlinterpretationen zu vermeiden. Denn gerade da ja sowohl in den Ergebnissen „eigener“ Bilanzierungen mit gebräuchlichen ökobilanzierenden Instrumenten als auch in publizierten ökobilanzierenden Betrachtungen häufig Werte für den Parameter „Schadstofffreisetzung“ oder „Toxizität“ ausweisen werden, wird von Nicht-Fachleuten leicht angenommen, dass hier ein substanzielle Analyse erfolgt ist. Dass dabei die ausgewiesenen Ergebniswerte wie bereits skizziert meist nur auf einigen wenigen Sachbilanzwerten für Standardprozesse basieren, die die spezifische Situation der Schadstofffreisetzung in keiner Weise sachgerecht abbilden (können), ist auf den ersten Blick nur schwer erkennbar.

Den beschriebenen Datenmangel im Rahmen eigener Bilanzierung zu beheben ist nicht einfach. Aussagekräftige Schadstoffmessungen sind recht aufwändig und Emissionsabschätzungen erfordern sowohl Kenntnis über das jeweils eingesetzten Schadstoffinventar (Input-Werte) als auch das Emissionsverhalten unter den jeweiligen Prozessbedingungen.

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